Über den Ernst der Lage in Kriegszeiten

Von Chefredakteur Andreas Götze

Protest am Rande des Weltcups in Cottbus
Foto: nbb press

 

Die Lage ist ernst. Und damit meine ich ausnahmsweise mal nicht die Situation im deutschen Kunstturnen. Der Krieg gegen den Irak wird von Tat zu Tag mehr Opfer fordern - vor allem unter Kindern und älteren Zivilisten. Die Terrorgefahr, die einst Bush zum Vorwand nahm, Afghanistan zu bombardieren, wird nicht geringer - im Gegenteil.
Kann sich, ja soll sich der Sport da raushalten? Zumal führende Vertreter des deutschen Sports auch heute noch gern die Ansicht vertreten, Sport müsse im Sinne seiner Eigenständigkeit "unpolitisch" sein. Abgesehen davon, dass man das dann schnell vergisst, wenn's ums Geld geht, ist es naiv oder illusorisch zu glauben, der Sport sei ein politisches Neutrum in dieser Gesellschaft.
Insofern finde ich es höchst bemerkenswert, dass in den vergangenen Wochen mehr als 2.000 deutsche Sportlerinnen und Sportler, darunter mehr als 100 Olympiasieger aller Sportarten, mit einem Friedensappell gegen diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA protestiert haben. Nachzulesen auf den Internetseiten von www.gymmedia.de.
Sie äußern sich somit politisch nicht nur als Staatsbürger sondern auch als prominente Persönlichkeiten, deren Tun und Handeln Vorbildcharakter trägt. Das trifft auf America-Cup-Sieger Jochen Schümann genauso zu wie auf Bundestrainer Andreas Hirsch. 

 Die Unterzeichnerliste berühmter Turnerinnen und Turner ist lang. Sie reicht vom 36-er Mannschafts-Olympiasieger Matthias Volz (92 Jahre) und Sprung-Olympiasieger Helmut Bantz, die beide den Zweiten Weltkrieg als Soldat miterleben mussten, über Gnauck, Köste, Effing, Wecker, Behrendt, Zuchold, Thüne, Cottbus-Turnierdirektor Kroll, Helma Schwarzmann, der Tochter des 36-er Turn-Olympiasiegers, Brückner, Belenki, Toba und viele andere bis zu Hans-Jürgen Zacharias.
Es hilft ja doch nichts, mag so mancher resignierend denken. Falsch. Abgesehen davon, dass der internationale Protest noch einige Erdbeben in den beteiligten Regierungen hervorrufen wird, hat solch eine Stellungnahme für den Frieden durchaus Langzeitwirkung. Wenn man denn den Sport mit seinen völkerverbindenden Fähigkeit ernst nimmt; wenn die in der Aktiven-Zeit entstehenden Freundschaften auf Dauer gepflegt und die Erkenntnis des Friedlich-miteinander-Auskommens verschiedener Nationalitäten und Konfessionen später als Trainer an die Jüngeren weiter gegeben wird - und vielleicht mal dazu führt, dass Konflikte nur noch mit diplomatischen Mitteln ausgetragen werden.
So gesehen wäre ich auch nicht dagegen, dass deutsche Turnerinnen und Turner im August an den WM im Land des Kriegstreibers teilnehmen. Das sportliche Miteinander junger Menschen bewirkt auf Dauer mehr, als es beispielsweise ein Boykott des Championats von Los Angeles-Anaheim könnte (das hatten wir ja schon mal 1984). Mit einer Einschränkung: Wenn die Gefahr für Leben und Gesundheit der Aktiven aufgrund drohender Terroranschläge zu groß wird. Und es ist durchaus denkbar, dass die FIG aus diesem Grund die WM noch abbläst.
Wie gesagt: Die Lage ist ernst.

Ihr Andreas Götze

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