Leseprobe: WISSENSCHAFT

Freiraum bieten für den Fortschritt

Das Kunstturnen der Männer - seine Vergangenheit und Zukunft aus dem Blickwinkel der Weltmeisterschaften 2001 in Gent

Von Hardy Fink (Kanada),
FIG-Vizepräsident



Ringe-Weltmeister Jordan Jowtschew,  
laut Hardy Fink der einzige Weltmeister von Gent, der ohne Kampfrichter-Kontroverse zu seinem Titel kam

 

"Insgesamt betrachtet scheint es, dass die entscheidende Entwicklung, die wir in der Zukunft fördern müssen, einerseits die absolute technische und ästhetische Präzision oder Virtuosität der Ausführung ist; andererseits - und vielleicht noch wichtiger - die Begeisterung und der Unterhaltungswert, die von der Übung ausgehen."

 

Während der 35. Kunstturn-WM in Gent schien das Turnen der Männer wieder einmal an allen Geräten die zuvor existierenden Grenzen zu brechen. Doch als Zuschauer der Wettkämpfe durfte man sich getrost fragen, ob - nach einem Jahrhundert offensichtlicher kontinuierlicher Entwicklung - die Fertigkeiten ihren denkbar höchsten Punkt erreicht haben und der Turnsport somit auf einem Plateau angelangt ist, das eine Art Ende seiner Geschichte markiert. Ist es im neuen Jahrhundert noch möglich, weitere Fortschritte zu erzielen?
Die folgende Analyse der historischen Einschnitte im Männerturnen an den einzelnen Geräten soll zeigen, ob die von den Weltbesten in Gent präsentierten Neuerungen signifikant genug sind, um als Meilensteine der Entwicklungen in Erinnerung zu bleiben. Abschließend wird spekuliert, welche Entwicklungen in den nächsten Jahrzehnten zu erwarten sind.

In Gent wurden einige neue Maßstäbe gesetzt

In den vergangenen 40 oder 50 Jahren hat es viele bemerkenswerte Turner gegeben, die mit außergewöhnlichen Übungen zuvor existierende Grenzen durchbrochen haben und unsere Erwartungen an das, was Kunstturnen an den einzelnen Geräten bedeutet, immer wieder neu definiert haben. Die Grenzen, die verschoben worden sind, beziehen sich dabei auf das technische und ästhetische Niveau ebenso wie auf den Schwierigkeitsgrad und die Innovation.
Dies geschah auch an einigen (vielleicht allen) Geräten in Gent: Die Technik des Pferdsprungs aus vollem Anlauf der Kubaner, die erstaunliche Kraft an den Ringen, die ultimative Schwungstemmen-Technik am Barren und die gemeisterten Super-Schwierigkeiten am Sprung. Aber niemand demonstrierte es deutlicher als Xiao Qin, der in seinen Übungen das ultimative, und vielleicht nicht überbietbare Maß an Technik und Virtuosität, das wir uns immer vorgestellt haben, realisiert hat. Dies sowie die Einführung des Sprungtisches und der neuen Wettkampfformate werden das historische Erbe der Weltmeisterschaften von Gent bilden. Die meisten anderen ausgezeichneten Übungen werden wohl kaum als signifikant oder richtungweisend in Erinnerung bleiben.

In punkto Schwierigkeit an den Grenzen angelangt

Was bleibt also für das neue Jahrhundert? Es ist deutlich, dass ohne größere Veränderungen im Design der Geräte die Schwierigkeit der einzelnen Elemente im Großen und Ganzen mit dem Beginn des Jahrhunderts an ihre Grenzen gekommen sind. Natürlich gibt es hier und dort Raum für einen zusätzlichen Salto oder noch eine Schraube. Aber jede dieser Möglichkeiten und Grenzen kann heute recht genau vorausgesagt werden. Doch sollte man nie die Fähigkeiten von Trainern und Turnern, bisher noch unvorstellbare Innovationen zu schaffen, unterschätzen. Vielmehr sollten wir auf genau diese hoffen.

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