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Die Kamera vorm Auge, über irgendeine Bande hinweg in den Wettkampfinnenraum zielend, so kennen viele Jürgen Uhr von nationalen und internationalen Höhepunkten des Kunstturnens, von kleineren und größeren Wettkämpfen im Lande. Wer rastet, der fotografiert nicht, schien seine Devise zu sein, und nicht zu fotografieren war ihm gleichbedeutend mit Verrat am Turnen. Jürgen Uhr war in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein engagierter und rastloser journalistischer Begleiter des Kunstturnens, der sich höchstens auf die Presseplätze setzte, um einen Film zu wechseln. Jürgen Uhr ist kein gelernter Journalist, aber er vereinte journalistische Tugenden in sich, die ihn schließlich für das Amt des Chefredakteurs der Zeitschrift "Olympisches turnen aktuell" (OTA) prädestinierten: große Sachkenntnis, die Liebe zum Turnen, Ruhe und Gelassenheit, Zuverlässigkeit sowie jenen Schuss Verrücktheit, ohne den Außergewöhnliches nicht zu vollbringen ist. Die Zeitschrift OTA stellt so etwas wie sein turnerisches Lebenswerk dar. 1990 bewahrte er die Freunde des Turnens vor dem Verlust ihrer Fachzeitschrift. Denn das damalige Heft "Gerätturnen aktuell", an dem er seit Beginn 1982 mitarbeitete, wurde 1989 eingestellt, und Jürgen Uhr gab mit "Olympisches Turnen aktuell" den Nachfolger heraus, mit allen Risiken für Portemonnaie, Leib und Seele. Er hat daraus ein Magazin gemacht, das mehrere Generationen von Turnerinnen und Turnern, von Gymnastinnen und in den letzten Jahren auch Aerobic-Aktiven begleitete, das nationales und internationales Geschehen dokumentierte, die Weltspitze des Turnens ins deutsche Stübchen holte und per Information und Argumentation die Familie des Spitzensports im DTB zusammenhielt. Wieviel Arbeit und Nerven das kostete, weiß nur jemand, der Jürgen Uhr gut kannte. Täglich mehrere Stunden verbrachte er im Arbeitszimmer seine Hauses in Neunkirchen (im Siegerland), um für das Turnen oder die Zeitschrift OTA zu arbeiten. Neben der redaktionellen Arbeit galt es, ein riesiges Text- und Fotoarchiv zu pflegen, Bürokram zu erledigen, journalistische Beiträge und Reisen zu organisieren, mit Druckerei und Vertrieb zu verhandeln... Dazu die häufigen Fahrten zu Wettkämpfen, bei denen er nicht selten nachts im Hotelzimmer die Filme selbst entwickelte. Jürgen hat die Tausender nicht gezählt, die er privat in sein Hobby und Ehrenamt gesteckt hat, insbesondere, wenn er zu Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen reiste. Und er scheute auch nicht das Risiko, mit einem gehörigen Kredit unser gemeinsames Turnbuch "MondSalto" im eigens dafür gegründeten gymbooks-Verlag herauszugeben. Seine Erfahrungen brachte Jürgen Uhr auch in leitende Gremien des Kunstturnens in der Bundesrepublik ein. Er wurde 1984 in den Fachausschuss Kunstturnen gewählt, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, und gehörte mit dieser Verantwortlichkeit auch viele Jahre bis 1998 dem Technischen Komitee des DTB an. Doch damit nicht genug. Der Sport- und Biologielehrer Jürgen Uhr ist in seinem "anderen Leben" fernab der WM- und Olympiapodien auch noch ein höchst engagierter Vereinsmensch: seit mehr als 30 Jahren Mitglied im Turnverein Salchendorf, seit neun Jahren dessen 1. Vorsitzender. 25 Jahre arbeitete er als Trainer im Kunstturn-Stützpunkt Neunkirchen, und er gründete in seinem Heimatort Neunkirchen vor 20 Jahren auch einen Kunstturn-Förderverein und organisierte Wettkämpfe mit internationalen Spitzenleuten. Einige Jahre hatte er auch das Amt des Landeskunstturnwartes in Westfalen inne, und als Sportlehrer des Gymnasiums in Neunkirchen betreute er Jungen und Mädchen in der Aktion "Jugend trainiert für Olympia" im Turnen und in der Leichtathletik, erreichte mit ihnen oft erste Plätze bei Landesfinals und auch vordere Ränge bei Bundesfinals. Warum tut sich einer soviel ehrenamtliche Selbstkasteiung an? Vielleicht, weil er Turner aus ganzem Herzen ist. Jürgen Uhr war früher sowohl als Kunstturner als auch turnender Mehrkämpfer aktiv; in den 60er Jahren gehörte zur bundesdeutschen Spitze im Zehnkampf, war zweimal BRD-Vizemeister. Er hat Turnfestsiege zu Buche stehen, bestritt noch als Vierzigjähriger Wettkämpfe und will zu seinem "60." die Wette einlösen, dass er noch Riesenfelgen am Reck turnt. Warum schafft einer das alles? Weil er in Inge eine Frau hat, die ihn stets unterstützte, so gut es ging (auch wenn sie hin und wieder ihr Veto einlegen musste), und die durch eigene Tätigkeit im Verein um Bedeutung und Aufwand des Ehrenamtes weiß. Weil er auch von seinen drei Söhnen Verständnis und Hilfe erfuhr. Weil er eine beneidenswerte Konstitution und Gesundheit besitzt. Weil Schulleitung, Kolleginnen und Kollegen des Bonhöffer-Gymnasiums Neunkirchen ihm die entsprechenden Freiräume verschafften und damit zeigten, dass sie ehrenamtliche Arbeit zu würdigen wissen. Jürgen Uhr wird vom Turnen nicht loszuschweißen sein. Warum auch? Aber ihm ist zu wünschen, dass er einen Gang zurückschaltet und mehr Zeit für sich, seine Frau Inge und die künftigen Enkel findet. Andreas Götze << LEON* Home << LEON* - Archiv . |