"Leider ohne deutsche Beteiligung"

Von Chefredakteur Andreas Götze

 

Dieser Satz hätte gute Chancen, zum "Unwort des Jahres" in der deutschen Turnszene gewählt zu werden: "Leider fanden die Meisterschaften ohne deutsche Beteiligung statt."
Man konnte es hier und da lesen, auch von Reportern hören, insbesondere, wenn es um die EM der Rhythmischen Sportgymnastik in Granada und um die WM-Finalwettkämpfe in Debrecen ging. Gemeint waren wohlgemerkt die Aktiven der turnenden Zunft, nicht die Funktionäre oder Kampfrichter/innen, die bei diesen Höhepunkten immerhin die deutsche Fahne noch hochhielten.

"Ohne deutsche Beteiligung" - Wörter, die wie ein Urteil klingen oder wie die hinlänglich bekannte Einführung: "Plötzlich und unerwartet..." Nein, eine Todesanzeige für das deutsche Turnen bedeutet eingangs zitierter Satz noch nicht, auch wenn er sehr nachdenklich stimmt. Zumal, wenn man mit ausländischen Trainern ins Gespräch kommt und diese ob des deutschen Leistungsniveaus nur noch Unverständnis äußern: "Ihr habt die besten Voraussetzungen, bestens ausgestattete Trainingszentren, ausreichend Geld und auch gute Trainer. Was ist bloß mit Euch los?"
Ja was bloß? Management-Fehler, würde man in der Wirtschaft sagen. Zu lange vom Eingemachten gelebt, zu lange wurde von den Entscheidungsträgern mit angesehen, wie es stetig abwärts geht.

 "Wir haben Zeit verloren, hätten schon nach Sydney entsprechende Schritte einleiten müssen", bekennt nun DTB-Präsident Rainer Brechtken und meint damit insbesondere das neue Konzept der Konzentration auf die beiden Leistungszentren Berlin und Stuttgart. Eine sinnvolle Maßnahme, die besten Aktiven möglichst oft gemeinsam und bei den besten Trainern trainieren zu lassen, wie es weltweit gängige und erfolgreiche Praxis ist. In Abstimmung und mit Unterstützung der Heimtrainer.

So sieht es auch Andreas Hirsch, der neue Männer-Cheftrainer, der das neue Amt als "Überzeugungstäter" und nicht etwa als karrieristischer Aufsteiger übernommen hat. Keine schlechte Voraussetzung, zumal der 44-jährige Berliner seine fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten als medaillendekorierter Junioren-Chef zur Genüge nachgewiesen hat.
Reformismus auch bei den Gymnastinnen, die sich nun auf die Gruppe in Wattenscheid und mit ihr auf die Olympiateilnahme in Athen konzentrieren. Dafür wechselten sogar die deutschen Top-Solistinnen Olga Lukjanov und Isabell Piepiorra zur Gruppendisziplin, der mehr Chancen für Athen eingeräumt werden.

Neue Konzepte hin, neue Trainer her: Was jetzt auf Turner/innen, Gymnastinnen und deren Trainer zukommt, ist immens viel Arbeit, ohne die auch das beste Konzept oder System nichts taugt. Das sollte allen Beteiligten bewusst sein. Damit wir nicht in einem knappen Jahr nach der Olympiaqualifikation von Anaheim den unangenehmen Satz hören müssen: Athen 2004 leider ohne deutsche Mannschaft.


Ihr  Andreas Götze

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